{"id":610,"date":"2013-02-18T18:36:22","date_gmt":"2013-02-18T17:36:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.heimatverein-merzdorf.de\/?p=610"},"modified":"2013-03-16T12:34:14","modified_gmt":"2013-03-16T11:34:14","slug":"die-besiegte-mittagsfrau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.heimatverein-merzdorf.de\/?p=610","title":{"rendered":"Die besiegte Mittagsfrau"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.heimatverein-merzdorf.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Mittagsfrau_HG.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-684\" title=\"Mittagsfrau Zeichnung von H.J.Jank\" alt=\"Mittagsfrau Zeichnung von H.J.Jank\" src=\"https:\/\/www.heimatverein-merzdorf.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Mittagsfrau_HG-197x300.jpg\" width=\"149\" height=\"227\" srcset=\"https:\/\/www.heimatverein-merzdorf.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Mittagsfrau_HG-197x300.jpg 197w, https:\/\/www.heimatverein-merzdorf.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Mittagsfrau_HG.jpg 230w\" sizes=\"auto, (max-width: 149px) 100vw, 149px\" \/><\/a>Einst hatte sich ein M\u00e4dchen beim Flachsj\u00e4ten auf dem Felde versp\u00e4tet, es hatte das L\u00e4uten der Mittagsglocke im Dorf nicht geh\u00f6rt. Da tauchte die Mittagsfrau auf. Das M\u00e4dchen bemerkte gerade noch, wie das scheu\u00dfliche Weib hinter ihm stand und schon die Sichel hob, um es zu t\u00f6ten. Es sprang auf, raffte ebenfalls eine Sichel vom Feldrain und rief blitzenden Auges: \u00bbIch f\u00fcrchte mich nicht!\u00ab Das Weib wunderte sich. \u00bbAuch vor der Mittagsfrau nicht?\u00ab Das M\u00e4dchen erwiderte: \u00bbVor niemandem!\u00ab Die Mittagsfrau lachte h\u00e4misch: \u00bbDu gef\u00e4llst mir!\u00ab Darauf das M\u00e4dchen: \u00bbUnd du mir gar nicht, es sei denn, dass du deine Sichel weglegst!\u00ab Die Mittagsfrau tat es und sagte: \u00bbIch will dir dein Leben lassen, wenn du mir eine Stunde lang vom Flachs erz\u00e4hlen kannst!\u00ab\u00bbNun, dann hast du verloren\u00ab, lachte das M\u00e4dchen, \u00bbdenn warum sollte ich das nicht k\u00f6nnen?\u00ab Und es nahm sich vor, beim Sprechen jedes Wort recht lang zu ziehen; umso leichter w\u00fcrde es gewinnen. So begann es zu berichten:<\/p>\n<p>\u00bbMit dem Flachs hat man viel, sehr viel Arbeit. Schon im Herbst sucht der Bauer das beste Feld f\u00fcr den Flachs aus, ackert und eggt es, damit es von Unkraut rein sei. Sobald der Schnee abgetaut ist, wird der Acker mit dem Spaten umgegraben. Dann wird er mit eisernen Rechen fein gekr\u00fcmelt und glatt gerecht, sodass er eben wie eine Tenne ist. Nun wird der beste und reinste Samen ausges\u00e4t. Junge M\u00e4dchen treten ihn Schritt f\u00fcr Schritt in die Erde ein. Ja, mit dem Flachs hat man sehr, sehr viel Arbeit! Manchmal picken V\u00f6gel die K\u00f6rnchen auf und wer es mit dem Wetter nicht getroffen hat, dem zerst\u00f6ren Fr\u00f6ste die Saat.<br \/>\nIst der Fr\u00fchling vorgeschritten und gr\u00fcnt das Feld, dann eilt die flei\u00dfige Bauersfrau hinaus, um alles Unkraut auszuj\u00e4ten. Bald bl\u00fcht der Flachs und gro\u00df ist die Freude, wenn die St\u00e4ngel bei g\u00fcnstigem Wetter recht lang gewachsen sind. Die Ernte ist da und beim Morgentau oder auch bei feuchtem Wetter gehen Frauen und M\u00e4dchen aufs Feld. Sie raufen den Flachs aus und breiten ihn auf der Erde aus. Zu lange darf er nicht liegen, denn der Samen k\u00f6nnte aus den braunen K\u00f6pfchen rinnen. Die St\u00e4ngel m\u00fcssen zur rechten Zeit gewendet, dann in B\u00fcndel gebunden und in die Scheune gefahren werden. Nun holt der Bauer den eisernen Kamm vom Boden und riffelt die K\u00f6pfe von den St\u00e4ngeln.<\/p>\n<p>Welch herrlicher Samen wird aus ihnen gedroschen! Wird man ihn verkaufen? Nein und dreimal nein! Der Knecht wird jede Woche einmal zur \u00d6lm\u00fchle fahren. Denn Lein\u00f6l braucht der Bauer so n\u00f6tig wie das t\u00e4gliche Brot. Man isst Kartoffeln und Lein\u00f6l; Salat und Gurken werden mit Lein\u00f6l gemacht. Und wem w\u00fcrde wohl Kuchen schmecken, in dem nicht gen\u00fcgend Lein\u00f6l w\u00e4re? Und wenn alle Butter in der Stadt verkauft worden ist, dann schmeckt auch eine Schnitte mit Lein\u00f6l. Die geb\u00fcndelten Flachsst\u00e4ngel werden in einen Bach gelegt, damit sie etwa eine Woche w\u00e4ssern. Dann wird der Flachs auf Stoppelfelder gefahren und von der Hausfrau und den M\u00e4gden so aufgestellt, dass die B\u00fcndel unten recht weit auseinanderstehen. Oben werden sie mit einem Strohseil zusammengehalten. Nach einigen Tagen wird das Seil nach unten geschoben, und der obere Teil kann austrocknen.<br \/>\nWenn die kalten Herbstwinde \u00fcber die Felder wehen, wird der Flachs in den Backofen gestellt, um zu d\u00f6rren. Dann kommt er zum Brechen und Hecheln. Dabei fallen alle holzigen Teile als kleine Schuppen zur Erde. Das Werg, das sind die langen Fasern, beh\u00e4lt die Hausfrau in der Hand. Es wird zum Rocken zusammengebunden. Nun holt man die Spinnr\u00e4der vom Boden und die jungen M\u00e4dchen eilen an den langen Winterabenden zur Spinnstube und zur fr\u00f6hlichen Unterhaltung. Das gesponnene Garn l\u00e4sst man weben und wenn die Wiesen wieder gr\u00fcnen, wird das noch graue Linnen schneewei\u00df gebleicht &#8230;\u00ab<br \/>\nWie im Fluge verging die Zeit und noch ehe das M\u00e4dchen mit seinem Bericht fertig war, schlug die Uhr eins. Die Mittagsfrau sagte: \u00bbDu hast gewonnen, ich bin \u00fcberwunden und als Besiegte kehre ich nie mehr zur\u00fcck!\u00ab Nach diesen Worten verschwand sie, lie\u00df dabei sogar ihre Sichel liegen und kein Mensch ist ihr seitdem jemals wieder begegnet.<\/p>\n<p>aus &#8222;Sagen der Lausitz&#8220;\u00a0 Zusammengestellt von Erich Krawc erschienen im\u00a0 Domowina Verlag 1962<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst hatte sich ein M\u00e4dchen beim Flachsj\u00e4ten auf dem Felde versp\u00e4tet, es hatte das L\u00e4uten der Mittagsglocke im Dorf nicht geh\u00f6rt. Da tauchte die Mittagsfrau auf. Das M\u00e4dchen bemerkte gerade noch, wie das scheu\u00dfliche Weib hinter ihm stand und schon die Sichel hob, um es zu t\u00f6ten. 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